Strommangellage – Interview mit Michael Frank
Mehrere Glühbirnen liegen zerstreut auf einem hellen Untergrund. Nur eine davon leuchtet. Bild soll Strommangellage verdeutlichen, die dazu führen würde, dass weniger Energie als erforderlich zur Verfügung stehen würde.
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03.03.2022

Wir sind uns gewohnt, dass jederzeit aus­reichend Strom zur Verfügung steht. Doch was, wenn dem nicht so wäre? Wenn die Nach­frage das Angebot übersteigen würde und wir eine sogenannte Strom­mangellage hätten? Gemäss Bund ist die Gefahr einer Strom­mangel­lage real. Die Schweiz bereitet sich deshalb auf ein solches Szenario vor. Wie sie das tut, fragten wir bei Michael Frank, Direktor Verband Schweizerischer Elektrizitäts­unter­nehmen (VSE), nach.

Michael Frank, Direktor Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE

Michael Frank (58) ist seit 2011 Direktor des Verbands Schweizerischer Elektrizitäts­unter­nehmen (VSE). Er ist Fürsprecher und verfügt über eine breite berufliche Erfahrung in der Elektri­zitäts­wirt­schaft und in sich liberali­sie­renden Märkten. Zuletzt war Michael Frank Leiter Regulatory Management bei der Axpo AG. Davor war er während mehrerer Jahre als Leiter Regulatory Affairs bei Swisscom Fixnet AG und als wissen­schaftlicher Mitarbeiter beim Bundesamt für Kommunikation tätig.

Herr Frank, Wie bereitet sich die Schweiz auf eine Strommangellage vor?
Der Bundesrat hat den VSE über die wirtschaftliche Landes­ver­sorgung beauftragt, die not­wen­digen Vor­be­reitungs­massnahmen zur Bewältigung einer Strom­mangel­lage zu treffen. Der VSE hat dazu OSTRAL, die Organisation für Stromversorgung in Ausser­ordentlichen Lagen, ins Leben gerufen. Sollte eines Tages eine Strom­mangel­lage eintreten, ordnet der Bundesrat Bewirtschaftungs­massnahmen an und OSTRAL setzt sie um. Ende des letzten Jahres haben die Verteilnetzbetreiber im Auftrag der OSTRAL ihre Gross­strom­kunden darüber informiert, wie sie sich vorausschauend auf eine mögliche Strommangellage vorbereiten können.

Wie wahrscheinlich ist eine Strommangellage?
Das Bundesamt für Bevölkerungs­schutz hat 2020 die nationale Risikoanalyse «Katastrophen und Notlagen Schweiz 2020» publiziert. Eine Strommangellage wird darin als grösstes Risiko betrachtet – noch vor einer Pandemie und dem Ausfall des Mobilfunknetzes. Gemäss dem Bericht kann eine Strommangellage einmal alle 30 Jahre auftreten.

Welche Massnahmen würden bei einer Strommangellage in Kraft treten?
Sollte eine Strommangellage eintreten, würde der Bundesrat die notwendigen Bewirtschaftungs­mass­nahmen auf Antrag der wirtschaftlichen Landes­ver­sorgung in Kraft setzen. Die Mass­nahmen sollen das Gleichgewicht zwischen Produktion und Verbrauch auf reduziertem Niveau sicherstellen. Es sind verschiedene Mass­nahmen mit unter­schied­lichen Sparpotenzialen und Konsequenzen für Bevölkerung und Wirtschaft möglich. Für eine Reduktion des Stromverbrauchs können Sparap­pelle an die Bevölkerung, Verbrauchs­ein­schränkungen, Kontingentierung von Grossverbrauchern und – als letzte Massnahme, die nach Möglichkeit vermieden werden soll – Netz­ab­schaltungen zum Tragen kommen. Für die Lenkung des Stromangebots sind die Massnahmen für eine zentrale Kraft­werks­bewirtschaftung und eine Einschränkung von Strom­import bzw. -export vorbereitet.

Was können wir tun, um eine Strommangellage zu verhindern?
Allem voran braucht es einen massiven und viel schnelleren Ausbau aller erneuerbaren Energien im Inland mit starkem Fokus auf die Winter­pro­duktion. Denn in der kalten Jahreszeit drohen uns am Ehesten Engpässe. Doch auch mit einer hinreich­enden Selbst­versorgung kann eine Strommangellage nicht voll­kom­men ausgeschlossen werden. Wenn beispielsweise gleich­zeitig mehrere französische AKWs ausfallen, in Deutschland weniger Solar- und Windenergie produziert wird und die Schweizer Wasser­reserven knapp werden, kann diese unglückliche Verket­tung verschiedener Faktoren eine Strommangellage auslösen. Denn die Schweiz ist eng mit dem euro­päischen Stromnetz verbunden. Eine gute Stromzusammenarbeit mit Europa ist deshalb zentral. Es braucht eine lang­fristige politische Lösung, ein Strom­ab­kommen. Keines zu haben, schadet unserer Importfähigkeit und der Netzstabilität.

Gab es bereits vergleichbare Situationen – schweiz- oder europaweit?
In der Schweiz nie. Im ver­gang­enen Jahr gab es im Süden der USA wegen schweren Winterstürmen eine schwierige Situation. Hundert­tausende Haushalte mussten zeitweise ohne Strom auskommen. Strom­mangel­lagen aufgrund von einem Ungleich­ge­wicht zwischen Angebot und Nachfrage können nirgends völlig ausgeschlossen werden. Wichtig ist deshalb, dass wir die Vorkeh­rung­en treffen, die das Risiko mini­mieren. Neben einer ausreichen­den Eigenversorgung gehört dazu, unseren Netzen Sorge zu tragen und deren Resilienz sicher­zu­stellen. Die Anbindung an das europäische Verbundsystem ist dabei zentral. Das texanische Netz ist nicht in das amerikanische Netz ein­gebunden und konnte im vergangenen Winter auch nicht auf das Verbundnetz zählen, um das System zu stabilisieren.

Wie stehen die Schweiz im Vergleich zum Ausland da?
OSTRAL ist beauftragt, Mass­nahmen für den Fall einer Strom­mangel­lage in der Schweiz zu definieren. Die Schweiz ist auf den Krisenfall vorbereitet. Wie es um die Krisenvorbereitung im Strom­bereich in anderen Ländern steht, ist uns nicht bekannt.

Wie kann ich mich als Privatperson auf eine mögliche Strommangellage vorbereiten?
OSTRAL trifft ihre Vorbereitungen primär in Zusammenarbeit mit Unter­nehmen der Strombranche – also Stromproduzenten und Verteil­netz­betreiber. Sparappelle an die Bevölkerung sind jedoch Teil der Massnahmen. Jede Person kann im Krisenfall also dazu beitragen, dass wir die Situation unter Kontrolle bringen. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung hat auf seiner Webseite hilfreiche Spartipps für einen Energiemangel zusammengestellt.

Weiterführende Informationen für Unternehmen (Grossverbraucher) finden Sie auf der Website der OSTRAL, der Organisation für Strom­versorgung in ausserordentlichen Lagen.

Autor*in Noëmi Bourquin
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